„Alles Schöne in der Welt lebt von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“ Diese Aussage von Ewald Balser trifft besonders auf jene zu, die sich freiwillig für andere einsetzen. Unsere Gesellschaft lebt von diesem Engagement. Wo man nur mehr tut, was man tun muss, leidet die Gemeinschaft und wird unser Dasein zum grauen Alltag. Es kommen die Schwächeren unter die Räder. Freiwilligenarbeit – welche Formen gibt es? Man unterscheidet allgemein das formelle vom informellen Ehrenamt. Jede/r Freiwillige, der innerhalb einer Struktur (z.B. Altersheim) arbeitet, übt eine formelle Tätigkeit aus. Jede/r der außerhalb und unabhängig von einer Einrichtung freiwillig aktiv ist, engagiert sich informell. Dazu zählt z.B. die Nachbarschaftshilfe. Freiwilligenarbeit heißt zum Beispiel: Freiwilligenarbeit – Zeit schenken und Zeit haben Zeitlich gesehen gibt es freiwilliges Engagement, das ... Freiwilligenarbeit – mit Qualität Damit Freiwilligenarbeit gut gelingt, braucht es Aus- und Weiterbildung, Praxisbegleitung und die Beachtung wichtiger Rahmenbedingungen und Regeln. Die Werte der Freiwilligenarbeit Die Freiwilligenarbeit von heute ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die ihre Ursprünge in unserer Religion, Philosophie und Kultur hat. In allen Gesellschaften haben zu den unterschiedlichen historischen Epochen Menschen allein oder organisiert Leistungen für andere erbracht. Gerade in unserer Zeit, die geprägt ist von wachsender Dienstleistungsorientierung, wird die Bedeutung freiwilliger Tätigkeiten neu bewusst und aktueller denn je. Die Anforderungen, Erwartungen, Motivationen und Bedingungen im Rahmen der Freiwilligenarbeit haben sich gewandelt und sind vielfältiger geworden. Neue Fragen drängen sich auf: Angesichts der neuen Impulse, Ideen, Notwendigkeiten ist es umso wichtiger, dass jede/r Freiwillige/r und jede Organisation über klare Richtlinien, Kriterien und Prinzipien verfügt, um sich zu orientieren, einzuordnen, zu definieren. Charta zu den Werten der Freiwilligenarbeit Grundsätze 1. Ein Freiwilliger stellt seine Zeit und seine Fähigkeiten anderen Menschen, der sozialen Gemeinschaft und der ganzen Menschheit zur Verfügung und kommt dabei seinen staatsbürgerlichen Pflichten nach. Er handelt freiwillig und unentgeltlich, fördert Lösungen, um den Bedürfnissen anderer in wirksamer und kreativer Weise gerecht zu werden und leistet somit seinen Beitrag zum Gemeinwohl. 2. Die Freiwilligen üben ihre Tätigkeit individuell, informell oder in organisierten Strukturen aus. Auch wenn verschiedene Motivationsgründe, kultureller und/oder religiöser Natur vorliegen, haben sie eine gemeinsame Vision, menschlich zu sein und für eine bessere Welt zu kämpfen. 3. Die Freiwilligenarbeit ist eine unbezahlte Handlung. Die Unentgeltlichkeit macht die Einzigartigkeit des freiwilligen Engagements aus und unterscheidet sich gerade dadurch von anderen Komponenten des tertiären Sektors und von diversen Formen des zivilen Handelns. Das bedeutet: kein ökonomischer Gewinn, Freiheit von jeglicher Form der Macht und Verzicht auf direkte und indirekte Vorteile. In diesem Sinne gibt die Freiwilligenarbeit ein Zeugnis der Freiheit, die im Gegensatz zu den Logiken des Individualismus und des ökonomischen Utilitarismus steht. Gesellschaftliche Modelle, welche ausschließlich auf das Prinzip des "Habens" bzw. des Konsums basieren, lehnt sie ab. Für die Ehrenamtlichen bedeutet die freiwillige Tätigkeit eine wertvolle persönliche Erfahrung und sie bereichert die individuelle soziale Einstellung. 4. Die Freiwilligenarbeit spiegelt in all ihren Formen den Wert der Beziehung und des Teilens mit anderen wider. Im Zentrum des Handelns stehen die Personen, die in ihrer menschlichen Würde, in ihrer Integrität und ihren familiären, sozialen und kulturellen Zusammenhängen gesehen werden. Die Freiwilligenarbeit nimmt jeden als Staatsbürger, mit all seinen Rechten und Pflichten wahr. Sie fördert die Kenntnisse, das Bewusstsein und den Schutz derselben und begünstigt so die Teilnahme aller an der Sozialentwicklung der Gesellschaft. 5. Die Freiwilligenarbeit stellt eine Schule der Solidarität dar, da sie zur Bildung des solidarischen Menschen und verantwortlichen Staatsbürgers beiträgt. Sie beauftragt alle, sich in den eigenen Zuständigkeitsbereichen gleichermaßen um die globalen wie um die lokalen Probleme zu kümmern. Somit kann jeder einen Beitrag zur sozialen Veränderung leisten. Auf diese Weise stellt die Freiwilligenarbeit Verbindungen und Beziehungen her, die auf Vertrauen basieren. Sie bewirkt Kooperationen zwischen einzelnen Personen und Organisationen und trägt dadurch auch zur Vermehrung und Aufwertung des Sozialkapitals bei. 6. Die Freiwilligenarbeit ist gelebte Solidarität und Unterstützung. Sie trägt zum Wachstum der lokalen, nationalen und internationalen Gesellschaft bei. Sie setzt sich für die Unterstützung der schwächeren oder in Not geratenen Menschen ein und hilft Auswege in aussichtslosen Situationen zu finden. Jede Handlung ist solidarisch, wenn sie den Genuss der Rechte und der Lebensqualität für alle erlaubt.Sie richtet sich gegen diskriminierende Verhaltensweisen und ökonomische und soziale Nachteile und macht sich stark für die Aufwertung der Kulturen, der Umwelt und des Staatsgebiets. In der Freiwilligenarbeit stützt sich die Solidarität auf die Gerechtigkeit. 7. Die Freiwilligenarbeit ist eine verantwortungsvolle Ausübung einer solidarischen Staatsbürgerschaft, da sie sich dafür einsetzt, ökonomische, kulturelle, soziale, religiöse und politische Ungleichheiten zu beseitigen und trägt zur Erweiterung, zum Schutz und zum Genuss der Gemeinschaftsgüter bei. Sie macht nicht beim Aufzeigen der Probleme halt, sie bringt Vorschläge und Projekte vor und bezieht die Bevölkerung soviel wie möglich in den Aufbau einer lebensfähigeren Gesellschaft ein. 8. Der Freiwillige übernimmt eine kulturelle Funktion, indem er sich als kritischer Vermittler von Werten wie Friede, Gewaltlosigkeit, Freiheit, Loyalität und Toleranz versteht. Durch sein eigenes Zeugnis fördert er Lebensstile die gekennzeichnet sind durch Sinn für Verantwortung, Wertschätzung, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit sind. Er setzt sich dafür ein, dass dies gemeinsame Werte für alle Menschen und Einrichtungen werden. 9. Der Freiwillige übt eine politische Rolle aus, er nimmt aktiv an den Prozessen des sozialen Lebens teil, und begünstigt so das Wachstum der Demokratie. Vor allem fördert er und seine Organisation die Kenntnis und die Wahrung der Rechte, er weiß um die Bedürfnisse, die Faktoren der Ausgrenzung und Entwürdigung, schlägt Ideen und Projekte vor, sucht nach Lösungen und arbeitet mit Diensten zusammen. Sich ständig seine Hauptverantwortung gegenüber den Bürgerrechten vor Augen haltend, kann der Freiwillige richtungsweisend wirken. Verhaltensweisen und Rollen a) Die Freiwilligen 10. Die Freiwilligen sind aufgerufen, ihre eigenen Erfahrungen in kohärenter Weise mit den Werten und Prinzipien der Freiwilligenarbeit zu leben. Die Dimension des Seins ist für den Freiwilligen wichtiger als die des Tuns. 11. Die Einrichtungen und die Organisationen, die Freiwillige beschäftigen, sind aufgerufen, ihren Geist, ihre Tätigkeiten, ihre Kreativität und ihre autonomen Handlungen zu respektieren. Da die Freiwilligen ihre Staatsbürgerrechte und –pflichten ausüben und somit eine wertvolle Stütze darstellen, gilt es sie zu fördern und aufzuwerten. 12. Es wird vorausgesetzt, dass die Freiwilligen Zwecke, Ziele und Programme der Struktur, in der sie arbeiten, kennen. In vollem Respekt vor den geltenden Regeln und in verantwortungsbewusster Weise orientieren sie ihre Arbeit an den Abläufen der Struktur. 13. Die Freiwilligen erledigen ihre Aufgaben kompetent und verantwortungsbewusst, sie berücksichtigen die Teamarbeit und überprüfen die eigene Arbeit konstant. Sie garantieren, je nach Verfügbarkeit, kontinuierliche Einsatzbereitschaft und führen die begonnenen Aktionen zu Ende. 14. Die Freiwilligen verpflichten sich, sich mit Kontinuität und Seriosität weiterzubilden und sind sich der Verantwortung, den hilfsbedürftigen Menschen gegenüber bewusst. Sie bekommen von der Organisation, für die sie arbeiten, die notwendige Unterstützung und Ausbildung um sich weiterzuentwickeln und ihre Aufgaben zu erfüllen. 15. Die Freiwilligen begegnen anderen Menschen gegenüber würdevoll und respektvoll. Sie halten sich streng an die Schweigepflicht, wichtige Vorraussetzungen sind Respekt und Diskretion. Die Freiwilligen drängen sich nicht auf, sie erzwingen nichts, sondern suchen eine Annäherung, die für beide Seiten bereichernd ist. Die Freiwilligen unterstreichen die Fähigkeit jedes Einzelnen, selbst aktiver verantwortungsbewusster Protagonist der eigenen Lebensgeschichte zu sein. 16. Freiwillige in den öffentlichen Diensten und in Einrichtungen des tertiären Sektors, sind dann wertvoll, wenn sie einen "gemeinsamen Weg" mit den übrigen Berufsprofilen und professionellen Kompetenzen gehen und eine wechselseitige und ergänzende Zusammenarbeit suchen. Die Mithilfe des Freiwilligen ist umso wertvoller je mehr er die Motivation, die Beziehungen und die territoriale Vernetzung stärkt. 17. Freiwillige erhalten von den jeweiligen Einrichtungen oder Organisationen, im Rahmen der ausgeübten freiwilligen Tätigkeit, Versicherungsschutz für erhaltene oder verursachte moralische und wirtschaftliche Schäden. Ebenso können nur für effektiv geleistete Ausgaben Kosten rückerstattet werden. b) Die Freiwilligenorganisationen 18. Die Freiwilligenorganisationen richten sich nach den Grundsätzen der Demokratie und fördern und wertschätzen den Beitrag jedes Mitgliedes. Die Aufgabe der Organisation ist es, die Motivation der Freiwilligen anzuerkennen und durch Eingliederungsarbeit, Begleitung und konstante Supervision zu unterstützen. 19. Die Freiwilligenorganisationen gehen von bestehenden Notsituationen und Problemen aus und schlagen Projekte und Ideen zu deren Lösung vor. Sie versuchen durch Aktionen im Namen der Gemeinschaft zu reagieren und vermeiden es im Alleingang zu handeln. 20. Die Freiwilligenorganisationen arbeiten mit bestehenden lokalen, nationalen und internationalen Einrichtungen zusammen, d.h. sie legen Ressourcen zusammen, werten Zuständigkeitsbereiche auf und verfolgen gemeinsame Ziele. Sie fördern Verbindungen und Bündnisse mit anderen Strukturen und sind in Räten vertreten, um Strategien, Interventionslinien und soziokulturelle Vorschläge auszuarbeiten. Sie vermeiden es, Dienste zu übernehmen, die andere besser ausführen können. 21. Die Freiwilligenorganisationen spielen auch eine politische Rolle, indem sie sich im Einsatz für die Staatsbürger an der Bewertung der Sozialpolitik vor Ort beteiligen und richtungsweisend auf sie einwirken. In der Beziehung zu den öffentlichen Einrichtungen lehnen die Freiwilligenorganisationen eine Ersatzrolle ab und verzichten trotz Austausch von ökonomischer und politischer Unterstützung nicht auf die eigene Autonomie und beharren auf soziale Gerechtigkeit. 22. Die Freiwilligenorganisationen verdanken die Entwicklung und Qualität ihrer Einsätze hauptsächlich dem Einsatz professioneller Fachkräfte. Durch die Ermöglichung von Aus- und Weiterbildung für ihre freiwilligen Mitarbeiter wird ihre Arbeit unterstützt und die Motivation gestärkt. Es werden Fähigkeiten vermittelt, um für die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten und Problemen zu sensibilisieren. 23. Die Freiwilligenorganisationen werden dazu angehalten, eine Kommunikationskultur zu entwickeln. Auf diese Weise kann die Öffentlichkeit für soziale Themen sensibilisiert werden und Kontakte und Synergien auf allen Niveaus werden begünstigt. Sie kultivieren und vertiefen die Kommunikation und nutzen, wenn möglich, das Datennetz, um den Zugang zu Informationen, zu Bürgerrechten und zu verfügbare Ressourcen zu verbessern. Die Freiwilligenorganisationen versuchen über die Massenmedien in korrekter Art und Weise über die sozialen und kulturellen Themen, mit denen sie sich beschäftigen, zu informieren. 24. Für die Freiwilligenorganisationen sind die Legalität und Transparenz ihrer Tätigkeit wesentlich. Vor allem in der Sammlung und im korrekten Umgang mit Fonds und in der Bilanzgründung. Sie sind bereit, sich Kontrollen und Nachprüfungen zu unterziehen, auch innerhalb ihrer Organisation. Transparenz bedeutet für sie die Öffnung zur Außenwelt und ist ein Beweis dafür, dass das alltägliche Handeln mit den angeführten Prinzipien übereinstimmt. Quelle: www.fivol.it (carta dei valori del volontariato) |